Mittwoch, 10. September 2008

Über Balance

Nein, das wird kein Fitnessartikel, in dem ich Euch Tipps gebe, wie Ihr Euere Balance verbessern könnt. Über das Thema gibt es ohnehin nicht viel zu sagen, finde ich. Körperliche Balance ist ne recht spezifische Sache. Wenn Ihr z.B. bei einer bestimmten Fußtechnik Probleme mit dem Gleichgewicht habt, dann ist es am besten, wenn Ihr genau diese Technik übt, gerne auch langsam. Mit der Zeit wird´s dann sicher besser. Irgendwelche aspezifischen Übungen sind m.E. nicht nötig.

Eigentlich wollte ich über Balance eher in einem "spirituellen", "ganzheitlichen" Sinne schreiben (ich mag diese Wörter nicht, aber ich finde keine besseren Alternativen). Im Zazen geht es z.B. um diese (allerdings auch körperliche) Balance. Auch in den Kampfkünsten kann man sie im Training erreichen. Brad Warner findet in einem seiner Bücher eine recht gute Erklärung dafür, warum wir uns gerne an Orten aufhalten, an denen es laut ist oder an denen "Action" in irgendeiner Form geboten wird, z.B. auf Rockkonzerten oder bei einem Boxkampf: Sobald es irgendwo wild zugeht, sind wir sofort "bei der Sache", werden aufmerksam und sind nicht mehr ständig mit unseren Gedanken beschäftigt. Wir sind in Balance, und diesen Zustand genießen wir. Wir sind einfach genetisch so programmiert, dass wir auf Lärm und Trubel auf diese Weise reagieren. Ein Erbe aus der Zeit, in der sich unsere Vorfahren noch in einer natürlichen, wilden Lebensumwelt bewegten. Wer sich vom Gebrüll eines Säbelzahntigers nicht aus seiner Grübelei reißen ließ, der war sehr schnell tot.

Diese Form der Balance stellt sich auch quasi automatisch ein, wenn man sich in einer Kampfsituation befindet. Deshalb macht Sparring so viel Spaß. Allerdings ist der Übertrag dieses Balancezustandes auf den Alltag dann doch eher begrenzt. Man ist immer auf irgendeine Art von Lärm oder Bewegung angewiesen und fühlt sich im Alltag in äußerlich ruhigeren Situationen nicht so ausgeglichen. Hier kommt die Praxis des Zazen ins Spiel. Es ist ungleich schwieriger, Balance zu erlangen, indem man im Lotussitz dahockt und eine Wand anstarrt. Doch die Balance, die man dabei erhält, ist viel umfassender. In einem gewissen Sinne ist Zazen zu praktizieren viel härter, als an einem MMA-Kampf teilzunehmen. Wie gesagt: in einem gewissen Sinne. Ich praktiziere zwar regelmäßig Zazen, würde aber nach den ersten harten Treffern in einem MMA-Kampf davonlaufen und nach meiner Mami schreien. Es gibt halt noch viel zu tun... .

11 Kommentare:

Sonja hat gesagt…

In Balance zu sein bedeutet so etwas wie in Einklang mit sich selber sein. Dieser Zustand wird im Taoismus Wu wei genannt, Laotse nannte es Tao. Man lebt im Hier und Jetzt und befindet sich im Einklang mit dem Fluss des Lebens.
In Bezug auf den Säbelzahntiger würde ich wohl eher von Achtsamkeit sprechen, was natürlich das Hier und Jetzt mit einschließt.
Viele Kampfkünstler können ihren inneren Zustand verändern und kämpfen sozusagen im veränderten Bewusstseinszustand. In Japan und China üben sich die Kämpfer dazu in Zazen oder Qigong usw. Neulich fand ich eine Seite über russischen Kampfsport, diese Leute machen Joga um sich mental zu stärken. Ließ dir die Seiten doch mal durch .Ich bin gespannt auf deine Meinung…
http://www.self-defense.de/

Gruß Sonja

Raphael Rybarczik hat gesagt…

Ist das Systema? Naja, ich weiß nicht. Ich bin immer skeptisch, wenn jemand erzählt, zum Kämpfen sei keine große körperliche Kraft notwendig... .

Sonja hat gesagt…

Na also, dann brauchen wir vor den Iwans ja keine Angst zu haben. :)

Ich dachte allerdings ihr Spruch:
„Es gibt Menschen, die im Karate stark sind,
es gibt solche im Boxen oder im Judo,
und es gibt einfach starke Menschen“
würde sich eher auf innere Stärke beziehen.

Schon Seneca (ich glaube der Jüngere)sagt: „Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“
Einen Gegner kann man nicht nur mit mit körperlicher Gewalt bezwingen. Es gibt ja noch mehr Stufen (siehe unten), die ein guter Kämpfer besteigen kann. Und auf der höchsten Stufe heißt es: Siegen, ohne zu kämpfen.

Miyamoto Musashi (1584-1645)schrieb in seinem Buch der fünf Ringe eine Anleitung für strategisches Handeln, darin heißt es „ Aus hundert Kämpfen hundert Siege davonzutragen, ist nicht die höchste Kunst.
Den Feind ohne Kampf zu besiegen - das ist die höchste Kunst.“

Der japanische Begriff Heiho z.B. kann Konfliktlösung, als auch Kriegskunst, als auch Zweikampf bedeuten. Heute übersetzt man den Begriff Heiho eher als Strategie.

Auch das Buch „Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen: Geheimnisse und Geschichten über die Kampfkünste“ von Pasal Fauliot befasst sich mit dem Thema. Köpfchen statt Muskeln, heißt die Essenz, die dahinter steht. Nämlich nicht der Angriffskampf, sondern der Kampf als Verteidigung, um die aggressive Kraft, die gegen einen selbst gerichtet ist, dem Angreifer zurückzugeben. Der reale Kampf ist immer das letzte Mittel und wird nur, wenn er unvermeidbar ist eingesetzt.

Und in einem anderen Buch heißt es:
„In all deinen Schlachten zu kämpfen und
zu siegen ist nicht die größte Leistung.
Die größte Leistung besteht darin,
den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen."
Sun-Tsu, Die Kunst des Krieges


Der Sinn aller Übung:
Du musst Dein Gemüt so formen,
dass selbst der roheste Schurke es nicht wagt, Dich anzugreifen.

Stammt zwar auch nicht von mir, klingt aber gut.

Sonja

Raphael Rybarczik hat gesagt…

Vor den "Ivans" muss man schon Angst haben. Jedenfalls wenn sie Fedor Emalienko heißen ;)

Ich habe die leise Ahnung, dass man sein Gemüt in der Tat so formen kann, dass selbst der roheste Schurke es nicht wagt einen anzugreifen. Wie? Indem man kämpft und aufgrund der damit stattfindenden Überprüfung des eigenen Könnens in der objektiven Realität Selbstvertrauen gewinnt. Man weiß dann, was man kann und besitzt nicht bloß eine Art Fantasiekönnen.

Sonja hat gesagt…

Fedor Emalienko ist natürlich Free Fight bzw. MMA-Kämpfer oder so etwas?
Jetzt las ich kürzlich die Frage: „FREE FIGHT – Höchste Ebene des Kampfes oder menschenverachtender Hahnenkampf?“ Was fasziniert dich daran?
Ich muss zugeben mir ist diese Art von Kampfsport etwas zu brutal. Außerdem gibt es ja kaum Regeln oder?
Da verlässt man (frau) sich doch lieber auf innere Stärke :)

Raphael Rybarczik hat gesagt…

Wenn Du nach den dutzenden Einträgen, die ich in letzter Zeit geschrieben habe, immer noch nicht kapiert hast, warum ich MMA bevorzuge, dann kann ich dir auch nicht helfen... .

Sonja hat gesagt…

Hi Raphael,

Goethe sagte einmal: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ So geht es wohl auch mir. Ich kann mir nur schwer vorstellen wie man eine Kampfkunst ohne philosophischen Hintergrund ausüben kann. Vor allem da du dich ja auch mit Zenbuddhismus beschäftigst. Aber da währen wir wohl auch wieder bei dem leidigen Thema der Etikette in den traditionellen Kampfkünsten. Wobei sich viele Dojos hier auf die reinen Äußerlichkeiten wie Grüßen, Unterordnung und absoluten Gehorsam beschränken. Ist wohl auch leichter als sich mit einem philosophischen System auseinanderzusetzen. Nun sind es aber gerade diese paramilitärischen Regeln die viele Leute erschrecken. Vor einiger Zeit sprach mich eine Mutter auf Karate an und erzählte mir, dass sie das Buch „ Fernöstliche Kampfkunst. Zur Psychologie der Gewalt im Sport“, von Colin G Goldner gelesen hätte und entsetzt gewesen wäre. Ich habe mir dazu eine Kundenrezession auf Amazon.de angeschaut, die da lautet:
"Dieses Buch macht aufs Erschreckendste die enormen Gefahren deutlich, die - gerade für Kinder und Jugendliche - von Kampfsport ausgehen. Eltern, die ihre Kinder in einen Karate- oder Boxverein schicken, und ihnen vermeintlich Gutes tun zum Aufbau von "Selbstwertgefühl" etc., sollten dieses Buch unbedingt vorher lesen. Karate, Taekwondo, Boxen etc. sind keine Sportdisziplinen, sondern, wie Goldner schreibt, sie sind "Faschismus im Sportgewand".

Dieser Meinung bin ich nicht! Ich beschäftige mich aber auch mit dem Thema, deshalb möchte ich dir folgende Diplomarbeit mit dem Titel „Aggression, Nationalismus und Kampfsport in Ostasien“ zeigen:

http://www.argedon.de/akka/t_lehre/his_k.htm

Raphael Rybarczik hat gesagt…

Der philosophische Hintergrund lenkt nur vom Wesentlichen ab. Es ist leichter in schöngeistigen Illusionen zu schwelgen, als sich mit dem Kern der Dinge zu beschäftigen. Siehe Platons Höhlengleichnis.

Sonja hat gesagt…

Raphael,

dein Argument ist nicht von der Hand zu weisen! Vor allem wenn man sieht, wie zerstritten die einzelnen Schulen der verschiedenen Karatestilrichtungen sind. Da geht es manchmal ab "wie in irgendeiner bescheuerten Sekte", und gestützt wird das Ganze mit einem pseudophilosophischen Hintergrund. Platons Höhlengleichnis passt hier wirklich sehr gut. Man merkt halt, dass du ein gebildetes Kerlchen bist :)

Markus schwarz hat gesagt…

Hallo Raphael,

Dein Artikel über die Balance ist schon sehr interessant, jedoch kann ich nicht ganz nachvollziehen wo die Balance im Kampf ist? Jeder unerfahrende Kämpfer hat Stress im Kampf, der das Ziel sein sollte abzubauen, um in eine gewisse Balance zu gelangen. Wie Macht sich eine Disbalance in einem Kampf bemerkbar? Durch Nervosität natürlich. Stotern, zittern, all dies gehört dazu.

Raphael Rybarczik hat gesagt…

Hallo Markus,

mit Balance im Kampf meine ich das Einssein mit dem Tun. Westliche Psychologen würden das wohl als Flow bezeichnen... .